Josef Hofmiller (1872–1933)

„Er zählte zu den Schriftstellern, die ihre Gedanken nicht schreibend, sondern sprechend bildeten, und seine Züge drückten dies aufs lebendigste aus. Das war ein rastloses Auftauchen und Sichablösen der Ideen auf dieser hohen Stirn, in diesen blitzenden Augen, ein unbeschreibliches Spiel der Hände, feiner empfindsamer Musikerhände, über denen irgendwie noch eine Erinnerung an die geistliche Erziehung seiner Jugend in Scheyern und Freising schwebte. Da sah man mit Augen, wie seine Aufsätze entstanden, wie auf den kleinsten Anstoß Assoziationen, Bilder und Vergleiche heranschossen und von der angeborenen Lust an der Form geprägt wurden, wie seine Rede vom Geistigsten unversehens hinübersprang zum Natürlichsten und von einem derben Wort wieder zu der feinsten Herzensregung (...) ein ganz zarter und ganz großartiger Mensch." (K.A. v. Müller)

 

Geboren ist Josef Max Maria Hofmiller als Lehrersohn am 26. April 1872 in Kranzegg am Fuß des Grünten im Allgäu. Der begabte Schüler kommt in die Lateinschule des Benediktinerklosters Scheyern, dannach in das erzbischöfliche Seminar am humanistischen Gymnasium auf dem Freisinger Domberg, das er freilich als Siebzehnjähriger wegen wiederholter Verstöße gegen die strenge Disziplinarordnung sowie „verbotener Lektüre" und „Äußerung gefährlicher Ideen" verlassen muss; er besucht die Abschlussklasse am Münchener Wilhemsgymnasium, die er 1890 mit dem Abitur abschließt. Zunächst beginnt er das Studium der Theologie und der Philosophie, wechselt dann aber zur Germanistik und Neuphilologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München; hier legt er 1894 das Staatsexamen in Französisch ab, zwei Jahre später das in Englisch; 1901 beendete er die Arbeit an seiner Dissertation über Zusammenhänge zwischen dem englischen Dramatiker Ben Jonson und der antiken Literatur mit der Promotion zum Dr. phil.

 

Während dieser Zeit ist er ab 1894 bereits Präfekt und Realschulassistent, später Reallehrer in Freising, ab 1903 an der Luitpold-Kreisrealschule in München. Nach seiner Beförderung zum Gymnasialprofessor wirkte er von 1907 bis 1912 wiederum in Freising, danach bis 1921 in München; ab 1922 versieht er als Oberstudienrat das Amt des Korrektors am altsprachlichen Gymnasium in Rosenheim. Hofmiller ist ein vorzüglicher Philologe in bester deutscher Bildungstradition, ein begeisterter und begeisternder Lehrer: „Ich danke meinem Schöpfer jeden Tag, dass ich meinen Beruf gern habe." Er verfügt über immenses Wissen und ein phänomenales Gedächtnis, ist großzügig und tolerant, dabei von bestimmter, natürlicher Autorität. Zeit seines Lebens bemüht er sich darum, „die Bahn für einigermaßen modernen Unterricht ein wenig auszukehren"; 1905 veröffentlicht er 'Zwölf Artikel zum Ausbau der Oberrealschule' – sein schulpolitisches Engagement erkämpft in Bayern die Einrichtung dieser neuen Schulreform und ihre Gleichberechtigung neben dem humanistischen Gymnasium. Der „Professor in der Lederhose" ist ganz sicher einer der belesensten Männer seiner Zeit, der seine Schüler zu wahrer Bildung führen, Vermittler im besten Sinn aufklärerischen Wirkens sein möchte. Junge Menschen und sein Lehramt haben ihm stets viel bedeutet – 1921 lehnt er einen Ruf nach Köln als Professor für romanische Sprachen und Literatur ab: „Ich gehöre ans Gymnasium, ich gehöre nach Bayern."

 

Bereits der junge Lehrer schreibt nicht nur Artikel zum Schulwesen, sondern, vielseitig gebildet und hochmusikalisch, Musikberichte und Theaterkritiken über Aufführungen in München, geistsprühende und mitunter leidenschaftliche Feuilletonbeiträge – „For I am nothing if not critical." Bald ist die spitze Feder des profilierten „ –Kritikers" der Münchner Allgemeinen Zeitung bekannt und geschätzt, bei manchen auch gefürchtet. Neben diesen Rezensionen (am Ende werden es Hunderte sein) erscheinen schon früh auch Buchbesprechungen und Auseinandersetzungen mit der zeitgenössischen literarischen Szene. Nicht alles, was der temperamentvolle Kritiker so schlagkräftig und unzweideutig, immer in geschliffener Sprache, mitunter in nachsichtiger und zorniger Polemik vorbringt, kann unwidersprochen bleiben, auch kommen manche uns wichtige literarische Größen bei ihm nicht vor. Doch ist er bei allem, was er sagt, ehrlich, unbestechlich und konsequent, wird seine Literaturkritik auch Kultur- und Zeitkritik.

 

1904 erscheinen in München erstmals die „Süddeutschen Monatshefte", die rasch überragenden Einfluss in allen kulturellen Belangen ganz Süddeutschlands bringen und weit darüber hinaus wirken; Josef Hofmiller ist bis zu seinem Tod, fast 30 Jahre lang, Mitherausgeber und verantwortlich für ihren gesamten literarischen Teil. Hier findet er ein ideales Forum für seine eigene literarische Arbeit, deren Gedanken oft weit über den engeren Anlass hinausgreifen und deren farbiger Reichtum feinsinniger Interpretation nicht nur auf souveräner Sachkenntnis beruht, sondern auch auf der erstaunlichen Vielfalt beziehungsvoller Verknüpfungen mit Kunst und Musik, Natur und Geschichte.

 

1916 heiratet der schon 44-Jährige bei der verwitweten Mutter wohnende „ewige Junggeselle" die aus Memmingen kommende Lehrerin und Lyrikerin Hulda Eggart; 1917 und 1918 werden Hermann und Gottfried geboren (deren Soldatentod im Zweiten Weltkrieg mitzuerleben dem vater erspart geblieben ist), 1919 die Tochter Hildegard. Neben seinen vielen Arbeiten sind die Sorgen des Familienrates um Frau und Kinder und um die Mutter während der schwierigen Kriegs- und Nachkriegsjahre nicht gering. Als bewusst beobachtender, sehr subjektiv konservativ denkender Zeitgenosse kommentiert Hofmiller in seinem ‚Revolutionstagebuch 1918/19' die unruhigen Münchener Jahre; er zeigt sich zunehmend skeptisch und reserviert gegenüber der zunehmenden national-antisemitischen Propaganda: „Ich kann es nicht glauben, dass von dieser Seite das Heil kommt." In seinem Unterricht ist Politik tabu, da gibt es keine Stellungnahme zum aktuellen zeitlichen Geschehen; sonst aber nimmt Hofmiller kein Blatt vor den Mund – viel zu sehr ahnt und fürchtet er die kommende Zerstörung all der Werte, für die er eintritt, weil sie ihm am Herzen liegen: „Ich sehe nichts kommen als ein neues Langemarck."

 

Was ihm am Herzen liegt, das will er vermitteln und weitergeben. Seine Absicht, nach dem Vorbild der englischen ‚Everyman's Library' eine deutsche ‚Jedermanns-Bücherei' aufzubauen, kann er nicht verwirklichen. Dennoch bringt sein Anliegen der Volksbildung vielfältig Frucht: Er ist der Herausgeber von 16 Einzelbänden in den ‚Büchern der Bildung' und den ‚Schönsten Erzählungen' des Langen-Verlags, wird Mitarbeiter an den ‚Altöttinger Heimatbüchern', gibt u.a. auch ‚Ludwig Thoma für die Jugend' heraus sowie eine Auswahl von dessen Briefen, ein ‚Deutsches Wanderbuch', ein Lesebuch ‚Das deutsche Antlitz', daneben ‚Chansons d'amour. Chansons populaires de France', 'Ballads and Songs of Love', 'Altbayerische Sagen' und Mundartgedichte von Franz von Kobell – „Altbayerisch ist fein. Fein sogar noch in seiner humoristischen Derbheit (...) wahrhafte und nahrhafte Dichtung." – sowie die Aphorismensammlungen ‚Goethes Lebensweisheit' und ‚Fontanes Lebenskunst'. Daneben übersetzt er aus dem Französischen Tilliers ‚Onkel Benjamin' und Abbè Prèvosts ‚Manon Lexaut'. Und er schafft in jahrelangem Bemühen eine in wundervoll rhythmischer Prosa gestaltete altbayerische Nachdichtung der mittelhochdeutschen Versnovelle ‚Der Meier Helmbrecht'.

 

Vor allem aber verbindet sich die Erinnerung an den Namen Hofmiller mit seinen vielen Essays: Er ist einer der produktivsten und bedeutendsten Essayisten seiner Zeit – „Bayerns klassischen Essayisten" hat man ihn genannt. Die thematische Spannweite seines Werks, bei dem die literarischen Themen überwiegen und von dem ein großer Teil in den „Süddeutschen Monatsheften" erscheint, später in Sammelbänden zusammengefasst herausgegeben wird – darunter ‚Versuche' (1909), ‚Zeitgenossen' (1910), ‚Über den Umgang mit Büchern' (1927), ‚Franzosen' (1928) -, ist unglaublich: „Wer bloß eigene Literatur kennt und nicht auch fremde, wer bloß neue Literatur liest und nicht auch alte, der wird sich nie bilden." Hofmiller weist ‚Wege zu Homer' und ‚Wege zu Edda', integriert schon früh Nietsche und Ibsen, sieht die Bedeutung von Thomas Mann und Lena Christ, schreibt über Hauptmann und Ruederer, über Ludwig Thomas und Hofmannsthal, die er beide persönlich kennt, über spanische Schelmenromane und ‚Gullivers Reisen', über Stendhal, Flaubert, Balzac, über Swift, Defoe, Scott, über Emerson, Dante, Cervantes, Molière, über Dostojewsky und Lesskow. Besonders verpflichtet zeigt sich Hofmiller dem klassisch-romantischen Erbe. Einen besonderen Schwerpunkt seiner Arbeit, die deutsche Kultur stets in ihren abendländischenRahmen zu stellen versucht, bilden die großen Namen des 19. Jahrhunderts, unter ihnen Eichendorff, Heyse, Fontane, Jean Paul, Keller, Stifter – und vor allem und immer wieder Goethe, mit dem er sich, wie seine ‚Wege zu Goethe' zeigen, lebenslang beschäftigt und der zweifellos das Zentralgestirn seines literarischen Himmels ist.

 

Hofmiller zeigt sich als ein homme de lettre par excellence, als Kenner der Literaturen und der Bücher, als Meister treffsicherer, nuancierter, brillanter Sprache; seine Entdeckerfreude ist ansteckend, die Lebhaftigkeit seiner engagierten Argumentation mitreißend, die Souveränität seiner geistigen Weltbürgerschaft faszinierend. Bezeichnend ist auch, wie er von den drei Dingen, die der Mensch zum Glücklichsein brauche (nämlich gute Freunde, guten Wein und gute Bücher), die Bücher einschätzt: „Sie sterben nicht, sie werden nicht sauer, sie sind immer zur Stelle, immer bereit zu uns zu sprechen, sofern nur wir den guten Willen haben ihnen zuzuhören."

 

Die Freude am Entdecken von Neuem verbindet sich bei Hofmiller von Jugend an mit der Lust am Wandern: „Wandern ist eine Tätigkeit der Beine und ein Zustand der Seele (...) der Inbegriff der Unabhängigkeit." Auf weiten Reisen, auf Bergtouren und langen Fahrten mit dem Rad, vor allem aber auf seinen tage- und wochenlangen Fußwanderungen, bei denen er – mit Wanderfreunden oder oft auch allein – schier unglaubliche Wegstrecken zurücklegt, findet er entspannenden Ausgleich zu seinem anstrengenden Lehrerberuf wie zu seiner literarischen Arbeit. Immer wandert er „mit Aug und Gemüt", bereit, alles auf sich wirken zu lassen und den Eindrücken Entfaltungsmöglichkeiten zu geben. Immer hat er aber auch eine Handvoll Bücher im Rucksack und sein Notizbuch stets griffbereit in der Tasche. Vor allem zieht es ihn schon in jungen Jahren nach Südtirol und nach Italien, auch auf den Spuren von Goethes ‚Italienischer Reise', an den Gardasee und in die oberitalienischen Städte, in die Toskana und nach Umbrien, nach San Gimignano, Siena und Florenz und natürlich nach Rom – wo ihm einmal unversehens die vielen Schönheiten der Heimat in den Sinn kommen, die er noch nicht kennt. In den folgenden Jahren erwandert er sich die Landschaften von der Schweig bis in die Wachau, die Städte Altbayerns und Frankens, besonders den Chiemgau und den Pfaffenwinkel (wo er 1917 die erst ganz wenigen bekannte Wieskirche neuentdeckt), und da entstehen aus seiner Liebe zu Kunst und Kultur, zur Landschaft und zu den Menschen die frischen lebendigen Essays seiner ‚Wanderbilder' und ‚Pilgerfahrten', deren heimatverwurzelte und naturverbundene Schilderungen den Leser an seinen Erlebnissen teilhaben lassen, ihn behutsam hinführen zu den charakteristischen Schönheiten von Burghausen und Freising, Würzburg und Memmingen, Bamberg und Ottobeuren und vielen anderen.

 

Hofmiller kann von einer Wanderung schwärmen wie von einem Buch, von Mozart wie von einer Landschaft, von einer guten Flasche Wein wie von einer Architektur; viele seiner langjährigen Freunde bestätigen, wie genussfähig und genussfreudig er ist, kennen seine lebhafte Geselligkeit und sein manchmal überschäumendes Temperament, schätzen seine erstaunlichen Kenntnisse wie seine kompetenten Ratschläge.

 

Reichhaltigen Aufschluss über sein Leben und Werden erhalten wir aus Hofmillers unzähligen Briefen, die in bald spontanen, bald genau durchdachten Äußerungen, in bärbeißigem Sarkasmus wie in tiefempfundenem Mitgefühl, in kämpferischem Zorn wie in liebender Zuneigung alle Facetten seiner Persönlichkeit authentisch widerspiegeln. Und sie zeigen auch, wie sein Sehen zum Erkennen wird, wie er beginnt, das geschichtlich Gewachsene als Wurzel des Gegenwärtigen zu begreifen, „dies Gewordene wieder als Werdendes zu erleben". Seine Erkenntnis, dass es in einer Zeit wachsender Oberflächlichkeit gelassenes Zusehen und Nachdenken braucht , damit nicht der allzu Eilige das Mitgefühl für andere verlernt und am Ende sich selber verliert, führt ihn zur Forderung nach Menschlichkeit, nach Humanität; die Briefe dokumentieren, wie schwer ihm selbst zuzeiten die lebenslange Aufgabe geworden ist, „sich selber zu finden".

 

Viel von Kindheit und früher Jugend Hofmillers spiegelt sich in dem in stenographischen Aufzeichnungen erhaltenen Fragment seines ‚Autobiographischen Romans' – er ist unvollendet geblieben wie so vieles, was er (wie die Manuskripte und die zahllosen Notizen in seinem Nachlass zeigen) angefangen oder geplant hat: Mitten aus der Arbeit heraus stirbt er am 11.Oktober 1933; seine letzte Ruhestätte findet er im Grab der Eltern im Münchener Ostfriedhof.

 

Um die Veröffentlichung all seiner Schriften hat sich seine Gattin, Hulda Hofmiller, sehr verdient gemacht; zwischen 1938 und 1941 hat sie in sechs Bänden ‚Gesammelte Schriften' herausgegeben. Sie sind alle längst vergriffen, ebenso wie inzwischen auch die 1975 von Hildegard Till-Hofmiller herausgegebene Auswahl aus dem essayistischen Schaffen mit einer einfühlsamen und kenntnisreichen Einführung in Leben und Werke ihres Vaters – sollte ein solch reichliches literarisches Oevre wirklich in Vergessenheit geraten sein?

 

Was Hofmiller einmal über Goethe geschrieben hat, mag man auch von ihm sagen: Seine Essays sind „Gelegenheitsschöpfungen im höchsten Sinn. Niemals ohne äußern und innern Anlass entstanden, immer irgendwie autobiographisch gewachsen, keine bloße Schriftstellerei, sondern persönliches Erlebnis".