Wir kamen bei eisiger Kälte – und gingen mit warmen Herzen
Schon bei unserer Ankunft in Võru bei den Gastfamilien wurde klar: Diese Erasmus+-Reise nach Estland würde eine ganz besondere werden. Uns empfingen Temperaturen von beeindruckenden -30 Grad – eine Kälte, die man nicht vergisst. Auch in den folgenden Tagen blieb der Winter allgegenwärtig, mit Temperaturen zwischen -21 und -25 Grad, bevor es uns am letzten Tag noch einmal mit -30 Grad verabschiedete. Selbst der Bus gab bei diesen Bedingungen kurzzeitig auf und streikte. Doch statt uns davon abschrecken zu lassen, haben wir diese extremen Temperaturen geliebt. Die klare Luft, der knirschende Schnee unter den Füßen – und die Kinder, die bei eisiger Kälte lachend ein Eis aßen, machten schnell deutlich: Dieser Woche war ein Erlebnis, das zusammenschweißte.
Der Tagesbeginn folgte schnell einem festen Ritual: Der erste Programmpunkt eines jeden Tages war das gemeinsame Eincremen der Gesichter.
In den kommenden Tagen tauchten wir tief in das Leben vor Ort ein. Die Zeit in Võru machte deutlich, wie stark die lokale Identität in Estland mit der Natur, der Gemeinschaft und der Verantwortung für die eigene Umgebung verbunden ist. Besonders eindrucksvoll war die Schneeschuhwanderung durch ein Moorgebiet, das zu dieser Jahreszeit vollständig gefroren war. Hier lernten wir viel über die empfindliche Vegetation, die Besonderheiten der Landschaft und den Schutz dieser einzigartigen Naturräume – ein Thema, das lokal gelebt wird und zugleich eine zentrale Rolle für Europas Zukunft spielt.
Ein weiterer Höhepunkt war der Besuch des Suur Munamägi, mit 318 Metern die höchste Erhebung Estlands. Dass man hier von einem „Berg“ spricht, sorgte für viel Heiterkeit, denn Estland ist bekanntlich ein sehr flaches Land. Und doch zeigte sich gerade hier, wie wichtig solche Orte für die nationale Identität sind: Aussichtspunkte, von denen aus man die Weite des Landes und seine Natur überblicken kann.
Auch kreative und inhaltliche Arbeit kam nicht zu kurz. In internationalen Gruppen erstellten die Schülerinnen und Schüler gemeinsam ein E-Book zum Oberthema, in dem sie sich intensiv mit Fragen lokaler Verwurzelung und europäischer Identität auseinandersetzten. Dabei wurde deutlich, wie sehr regionale Besonderheiten und gemeinsame europäische Werte miteinander verbunden sind.
Am letzten Tag führte uns unsere Reise schließlich nach Tallinn. Im Europe Experience Center setzten wir uns mit der Europäischen Union auseinander und erfuhren, wie europäische Entscheidungen den Alltag junger Menschen beeinflussen. Ergänzt wurde dieser Blick durch den Besuch verschiedener Kunstausstellungen, die estnische Geschichte, Kultur und aktuelle gesellschaftliche Themen widerspiegelten.
Diese Woche hat uns eindrucksvoll gezeigt, wie wertvoll Begegnungen über Grenzen hinweg sind. In der gemeinsamen Zeit wurde aus Fremdheit Vertrautheit, aus Austausch Verständnis und aus Zusammenarbeit echte Freundschaft. Wir kamen bei eisiger Kälte – und gingen mit dem Gefühl, Teil einer gemeinsamen europäischen Gemeinschaft zu sein. Wir freuen uns, die Esten im März bei uns begrüßen zu dürfen. Vielen Dank für die tolle gemeinsame Woche!
(Von der Europäischen Union finanziert. Die geäußerten Ansichten und Meinungen entsprechen jedoch ausschließlich denen der Autorin und spiegeln nicht zwingend die der Europäischen Union oder der Europäischen Exekutivagentur für Bildung und Kultur (EACEA) wider. Weder die Europäische Union noch die EACEA können dafür verantwortlich gemacht werden.)